Heute vor 121 Tagen erlebte Schalke eine bemerkenswerte Niederlage. Mit fast einer Stunde durchgehenden Applaus bedankte sich ein Stadion voller Schalker für eine tolle Saison und lies Felix Magath als den Regisseur eines tollen Films hochleben. 119 Tage freute ich mich auf das erste Heimspiel der neuen Saison. Und dann folgte dieses üble Erlebnis.
Schalke war hinten schlecht, vorne schlecht und in der Mitte schlecht. Die Mannschaft zeigte eine desolate Leistung, hätte noch mehr Gegentore kassieren können und hat selbst kaum Chancen erspielt. Und als sei das alles nicht schlimm genug, zeigte sich Schalke auch auf den Rängen von seiner schlechten Seite.
Alexander Baumjohann durfte im linken Mittelfeld starten. Ivan Rakitic, der diese Position noch gegen Hamburg spielte, sollte neben Jermaine Jones im defensiven Mittelfeld agieren. Dazu Farfán rechts, Raúl im Sturm: Sieht man von dem mir noch gänzlich unbekannten Neuzugang Ciprian Deac ab, bot Felix Magath alle Spieler seines Kaders auf, denen ein gewisses Potenzial an Kreativität nachgesagt wird. Das Ergebnis war erbärmlich.
Ivan Rakitic spielte in der ersten halben Stunde einige öffnende Pässe. Später gelang ihm das nicht mehr. Jefferson Farfán erwischte einen schlechten Tag. Alexander Baumjohann, von vielen Fans immer wieder gefordert, kämpfte unermüdlich. Doch das, was man sich von ihm wünscht, einen Pass durch die Abwehrreihe, das Bedienen der Stürmer, das eine oder andere erfolgreiche Dribbling, war von ihm abermals nicht zu sehen. Raúl bekam kaum einen Ball, wurde nicht angespielt, fand nicht statt.
Die Verteidigung macht mittlerweile jedem Schalker angst. Neuzugang Hans Sarpei war nie in der Lage, sich am Spielaufbau zu beteiligen, wusste aber seine defensiven Aufgaben weitestgehend zu erfüllen. Damit war er schon der effektivste Schalker Feldspieler auf dem Platz. Atsuto Uchida wirkte abermals recht aufgedreht, vergaß dabei aber ab und an den Ball, bot eine wenig seriöse Vorstellung.
Joel Matip stand für den gesperrten Benni Höwedes neben Christoph Metzelder in der Innenverteidigung. Anfangs sah das ganz gut aus. Nachdem er sich allerdings vor dem ersten Gegentor locker überlaufen lies wirkte alles weitere unsicher. Unsicher wirkt Christoph Metzelder nie. Er verliert seine Zweikämpfe mit bemerkenswerter Coolness und vertändelt Bälle mit einem Ausdruck höchster Gelassenheit. Der neue Anchorman der Schalker Defensive hat bislang noch in keinem Spiel überzeugen können, ist zu langsam, schätzt Situationen falsch ein, wirkt als wäre er 52 Jahre alt.
Er ist also gerade nicht gut und man muss ihn nicht mögen, und doch trägt er nun das königsblaue Trikot, was viele Fans nicht davon abhielt, ihn bereits vor dem Anstoß auszupfeifen. Ein Transparent „Feind bleibt Feind“ war zu sehen und nach wiederholten Fehlern steigerten sich die Pfiffe in wüste Beschimpfungen.
Generell war die Stimmung schlecht. Von einem wirklichen Antreiben der Mannschaft konnte nicht die Rede sein, stattdessen waren immer wieder laute Unmutsäußerungen nach misslungen Aktionen zu vernehmen. Schon vor dem Anpfiff lies Stadionsprecher Dirk Oberschulte-Beckmann eine Bemerkung zur gedämpften Stimmung fallen. Was die Ursache der schlechten „Gundstimmung“ ist darüber wird viel diskutiert (z. B. ab hier ff).
Erst Donnerstag veröffentlichte die „Kleine Gruppe“ eine Bekanntmachung, in der zur „ganzen und bedingungslosen Unterstützung“ aufgerufen wurde. Das scheint nicht bei allen angekommen zu sein. Wäre auch dieser Aufruf von allen 310(!) Fangruppen verinnerlicht worden, die vor zwei Wochen für die Ziele der „Kleinen Gruppe“ unterschrieben, hätte es diese schlechte Stimmung nicht geben können. So toll ich die Solidarität für die wichtigen Ziele der Gruppe finde, umso erschreckender ist es, dass sich Schalke-Fans offensichtlich nicht darüber einig sind, dass sie während des Spiels ein für die Mannschaft destruktives Verhalten zu unterlassen haben.
Nun hat es gestern ein Gespräch zwischen Fanvertretern und Verein gegeben. Im Anschluss veröffentlichten beide Seiten dieselbe nichtssagende Meldung. Bleibt zu hoffen, dass dabei wirklich Zweifel ausgeräumt werden konnten. Dass sich das Stadion demnächst wieder einig ist. Dass Magath die Mannschaft noch verstärken und sie bis in zwei Wochen zu Bundesligatauglichkeit bringen kann. Bleibt zu hoffen, dass noch alles irgendwie gut wird. Ist ja noch früh in der Saison.